Reset – einmal auf Anfang bitte 

Reset – einmal auf Anfang bitte 

Gleich vorab: ich liebe Reset-Knöpfe!

Sie wurden für mich erfunden. Nichts verschafft mir mehr Genugtuung, als alles zu verwerfen und nochmal bei Null anzufangen, nur um es dann nochmal besser machen zu können. Jedes Jahr war der schönste Tag im Jahr für mich der erste Schultag. Das Hausaufgabenheft komplett leer, die Chance und der Versuch alles noch einmal besser zu machen. Die neue Sitzordnung. Ich habe es geliebt. Oder alle 3-4 Monate aus einer Laune heraus alles aus dem Zimmer in den Flur schmeißen und sich dann wieder komplett neu umdekorieren, Möbel umstellen und wieder eine Weile damit auskommen. Da spricht mal wieder der Perfektionist in mir, was auf Dauer einfach anstrengend wird.
Genau aus diesem Grund beneide ich Goldfische. Diese kleinen orange-farbenen Winzlinge vergessen einfach alle paar Minuten, was sie gerade gemacht, gedacht, gegessen oder gefühlt haben. Sie fangen einfach immer wieder von vorne an, ohne auch nur einen Gedanken an Vergangenes und ohnehin nicht mehr änderbare Dinge zu verschwenden. Auf längere Zeit ist diese Art Dauer-Amnesie natürlich auch keine Lösung. Unter all diesen vergangenen Ereignissen ist unter Garantie auch die ein oder andere schöne dabei, an die man sich mit Vergnügen erinnert.

Trotz all dieser auch schönen Erinnerungen, stehe ich mir damit im Hinterkopf viel zu oft im Weg. Aus einer Art Schutzreflex will man vergangene Fehltritte natürlich nicht nochmal wiederholen und macht so dicht für auch nur annähernd Ähnliches.

Goldfisch Fred wäre grundsätzlich viel entspannter, gelassener, offener für neue Dinge, als ich es je sein könnte, würde er nur ansatzweise erahnen können, was hinter seinem Fischglas noch so abgeht.

Emma in 200 Worten [Gastbeitrag] 

Wenn mich an Emma etwas zur Weißglut treiben kann, dann die Angewohnheit, ganze Fragen mit einer einwortigen Antwort zu belegen. Völlig bezugsfrei kann man sich aussuchen, auf welchen Teil des vorhergehenden, mit Sorge erfüllten oder um Information heischenden Monologs shakespear’schen Ausmaßes sich das hingeschluderte „Ja“. „Hmmm“ oder „Richtig“ denn so beziehen mag.
Ebenfalls einzigartig ist ihr entnervendes Talent, kritische Situationen ihres Lebens mit halben, hintergrundlosen Sätzen anzureißen, die selbst den ruhigsten Gemütsmensch dazu bringen könnten, sie an beiden Schultern zu ergreifen, zu schütteln und laut zu rufen „Was hast du jetzt wieder angestellt? Und vor allem: Warum?!“
Ein einfaches „Ich blute“ kann zwischen durchtrennter Halsschlagader oder aufgekratztem Pickel alles bedeuten, wobei die Tendenz natürlich immer in erstere Richtung geht, wenn man Emma näher kennt. 

Denn so ziemlich jede Situation ihres Lebens ist kritisch und ihre Tolpatschigkeit in etwa auf dem Niveau einer querschnittsgelähmten Trottellumme. Ich kenne jedenfalls niemanden, der es hinkriegt, sich in seiner eigenen Wohnung beim Rumlaufen einen Kapselanriß im Finger zuzulegen.

Aufmerksamkeit heischend werden einem solche Kommunikationstrümmer entgegengeworfen, daß ich graue Haare kriegen könnte, wenn ich sie nicht schon hätte. Wobei sich meine gefühlte Ergrauungsrate mindestens verdreifacht hat, seitdem ich sie kenne.

Sie ist nicht nur die großartigste, sondern auch die entnervendste Frau, die ich jemals kennengelernt habe.

To be continued…

Arndt – Kassandra21.de

Rezension: Sophia, der Tod und ich (Thees Uhlmann)

Rezension: Sophia, der Tod und ich (Thees Uhlmann)

Thees Uhlmann, 41 Jahre, Sänger und Texter der Band Tomte, Solokünstler, St. Pauli-Fan. Wer den guten Herren von Liedern, wie „Es brennt„, „Das Mädchen von Kasse 2“ und „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ kennt, der hat wie ich nur darauf gewartet, dass er Ernst macht und sein eigenes Buch schreibt. Siehe da, „Sophia, der Tod und ich“ erschien am 08. Oktober 2015 und landete auch augenblicklich in meinen Händen. Die Erwartungen waren hoch, denn ein guter Texter ist Thees Uhlmann ohne Zweifel. 

Erster Satz:

 „Es klingelte an der Tür, und im Treppenhaus roch es nach frisch gebrühtem Kaffee.“

Klappentext:

„Wie kaputt muss man sein, um bei jemandem an der Tür zu klingeln und zu behaupten, man sei der Tod? Was wie ein schlechter Scherz beginnt, ist der Auftakt zu einem hinreißenden, nicht enden wollenden Wortgefecht zwischen dem Tod und dem Erzähler, in dem es um Liebe, Freundschaft und Glauben, um den Lakritzgeschmack von Asphalt und das depressive Jobprofil des Todes geht. Gemeinsam machen sich die beiden auf den Weg zur Mutter und zu Johnny, dem kleinen Sohn des Erzählers, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat. Mit dabei: Sophia, die ruppig-souveräne und weise Exfreundin. Es ist eine Reise zwischen Himmel und Hölle, die geprägt ist von der Tollpatschigkeit, mit der sich der Tod begeistert durch die Welt der Lebenden bewegt, und Fragen aufwirft wie: Muss der Tod eigentlich pinkeln? Und wenn ja, wie macht er das? Und es geht um die große Frage, was denn besser ist, »to burn out or to fade away«?
»Sophia, der Tod und ich« ist eine irrsinnig lustige, berührende Suada, druck- und kraftvoll in jeder Zeile. Die ganze Herrlichkeit des Lebens gefeiert in einem Buch.“

Zum Buch:

Alles beginnt mit einem Klingeln an der Tür. Obwohl eigentlich alles gegen das Öffnen spricht und auch so eh niemand an seiner Tür klingelt, öffnet er die Tür und wie selbstverständlich steht ihm der Tod gegenüber. 3 Minuten habe er noch, um mit seinem Leben etwas anzufangen. Als würde das nicht zur völligen Verwirrung genügen, klingelt es genau in dem Moment noch einmal. Dieses mal steht seine Ex-Freundin Sophia vor ihm. In ihrer zickig-sympathischen Art weist sie ihn „dezent“ darauf hin, dass er anscheinend vergessen hatte, dass sie ihn zu einem Besuch zu seiner Mutter begleiten sollte. Diese Absurditäten machen das gesamte Buch aus.

Der Tod ist eine solche Unterbrechung nicht gewohnt, doch neugierig lässt er sich auf die Störung ein und verschiebt das Ableben des Erzählers, um Sophia die Tür zu öffnen. Also machen sich die 3 auf den Weg zu seiner Mutter, machen dabei einige lustige, aber auch tiefgründige Erfahrungen.  Auf dem Weg leben einige Gefühle wieder auf: die Beziehung zu seiner Mutter, seine Gefühle zu Sophia und die Verbindung zu seinem Sohn, den er seit Jahren nicht gesehen hat.

Meine Meinung:

Wer ein Buch mit einem Neil Young Zitat beginnt und mit einem Stephen King Zitat abschließt, katapultiert sich in meiner persönlichen Bestenliste automatisch in die Top 10. Als Thees Uhlmann Fan würde ich mich fast als voreingenommen betiteln, aber das ist mir in diesem Fall egal, denn das Buch zählt seit den ersten 100 Seiten zu einem meiner Lieblinge. Mit so viel Leichtigkeit und dem Geschmack vom Leben geschrieben, war ich sofort gefangen. Gerade der Charakter der Sophia hat mir sehr gefallen. Der ein oder andere wird sich bei ihr wahrscheinlich gedacht haben:“ Was ist das für ’ne arrogante Zicke?“ Genau das dachte ich anfangs auch. Das hat sich aber schnell geändert. Wer mit dem Tod sein Bett teilt oder mit ihm was trinken geht, kann von Grund auf kein schlechter Mensch sein. Genau da taucht der nächste Punkt auf, der mich an „Sophia, der Tod und ich“ fasziniert: Mir werden Fragen, wie „Kann der Tod eigentlich schlafen?“ und „Trinkt er eigentlich,wie jeder andere Mensch Kaffee oder gar Alkohol?“ beantwortet.

Ich lese gerne Bücher, die mich zum Nachdenken bringen. Noch nie musste ich beim Gedanken an den Tod derartig schmunzeln. Ich selbst hatte für mich immer das Motto: Angst vor dem Leben, nicht vor dem Tod. Genau darin fühle ich mich nach dem Lesen bestätigt.

Alles in allem ein grandioses, fast schon zynisches Buch mit einem schwarzen Humor, wie er selten zu finden ist und mir ohne Einwände gefällt. Es gehört zu den wenigen Büchern, die ich nahezu ohne Unterbrechung gelesen habe. Ich wollte abends beim Wegpacken eigentlich schon direkt weiterlesen.

 

Autor: Thees Uhlmann
Titel: Sophia, der Tod und ich
Erscheinungsdatum: 08.Oktober 2015
Verlag: Kiepenheuer&Witsch
ISBN:  978-3462047936

 

 

Vom Scheitern

Jeder, der schon mal nachts zu den letzten Schatten gehört hat, die durch eine eigentlich doch so belebte Studentenstadt huschen, weiß im Prinzip ganz genau, warum man das tut. Entweder man schleppt sich von der Studentenparty oder aus der Kneipe nach Hause oder man braucht einfach einen kühlen Kopf. Da ich in meinem gesamten Studentendasein nicht eine Party besucht habe und auch so nicht der vorbildliche Party-gänger bin, brauchte ich ganz offensichtlich frische Luft. Und zwar viel davon.

Alles auf Anfang, wenn gar nichts mehr geht, dann lauf! (Enno Bunger)

Also los.

Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Turnschuhe geschnürt. Kopfhörer in den Ohren.

Ich lasse die Tür hinter mir ins Schloss fallen und werfe den Schlüssel lieblos in meine Hosentasche. Fast schon zucke ich zusammen. Meine Nachbarn sind nun definitiv wach und hassen mich. Das steht fest. Das gibt gleich den nächsten Spießrutenlauf im Treppenhaus am kommenden Tag. Nachteil am 5. Stock: Man muss an jeder verdammten Wohnungstür vorbei und kann sich dabei gleich in 9 potenzielle Gespräche verwickeln lassen. Wenn man höflich ist natürlich. Ansonsten wird jede zweite Stufe ausgelassen und die 80 Stufen hochgehechtet.

Zurück zum Thema:

Raus aus dem ekelhaft künstlichen Neonlicht des Treppenhauses, stehe ich in der Dunkelheit. Immer wieder wundere ich mich, wie dunkel es sein kann, aber es ist schließlich auch schon halb 3. Ich schlurfe bis zur nächsten Kreuzung, an der ich mich entscheiden muss: Richtung verlassene Innenstadt oder ans Wasser. Ich entscheide mich für die Innenstadt. Wann schon habe ich die Möglichkeit ohne Panik und nervöses Umgucken durch die Stadt zu schlendern? Nie. Eben.

Ich schaue mich um. Greifswald ist wirklich nicht hässlich. Für Studenten meiner Meinung nach genau die richtige Stadt. Aber nicht für mich. Das muss ich mir eingestehen. Etwas anzufangen und dann nicht zum Ende zu bringen ist normalerweise nicht meine Art. Es treibt mich fast in den Wahnsinn, dass ich es auf dem Sofa in meiner Wohnung nicht mehr aushalte. Und wohin bringt mich das nun? Ich stehe 3 Uhr nachts vorm Audimax und gucke in die Nacht. „Scheitern liegt mir nicht.“, schießt es mir da in den Kopf. „Zweifel gehören immer dazu.“, rede ich mir ein. Aber ist es richtig, etwas zu Ende zu machen, von dem man weiß, dass es das verkehrte für jemanden ist? Quälen nur der Form halber? Weil man das eben so macht? Weil es „richtig“ so ist?

Nein. Da mache ich nicht mit.

 

Was würdest du fragen, wenn du wüsstest, dass die Antwort ja wäre?

Wir drehen den Spieß einmal um: Sonst weiß man nie, was man antworten soll. Heute läuft das genau anders herum:

Was würdest du fragen, wenn du wüsstest, dass die Antwort „Ja“ ist?

Anfangs habe ich mir die Frage angesehen und gedacht: Hm, was soll daran schwer sein? Aber sie hat’s in sich. Also habe ich mir ein paar Mitmenschen gesucht und sie genau das gefragt.
Nach kurzzeitiger Verwirrung entstanden dabei die kreativsten und zum Teil tiefenpsychologische Fragen. Siehe da:

Willst du mit mir schlafen?
(Kisa)

Willst du derjenige sein, der in meinen Armen einschläft und darin auch wieder aufwacht?
(Lili)

Willst du, dass ich dir die Sterne vom Himmel hole, mich in deinem Kuss verliere und in deinem Blick versinke?
(Lili)

Liebst du mich?

Bin ich wirklich schon wach?
(Steffen)

Wirst du bei mir bleiben bis ich sterbe?
(Arndt)

Willst du mir eine neue Kamera kaufen?
(Eva)

Willst du mit mir Salsa tanzen lernen?

Ist der Mensch sterblich?
(Tamaro)

Liebst du das Leben?

Möchtest du in einer Zombie-Apokalypse sterben?
(Ju)

Willst du ein Bier?

Die Standardfrage – hat was mit Ringen zu tun.
(Pal )

 

Danke an alle, die sich ein bisschen Zeit genommen haben und die ich hier aufführen durfte. 🙂