Ach man sieht doch das Leben vor lauter Leben nicht!

Ich sitze im Zug auf der Rückfahrt eines sehr schönen und für mich absolut neuen Trips. Wie immer auf langen Zugfahrten mit einer mich nicht gerade tangierenden Landschaft starre ich verloren in selbige, auf der Suche nach ungewöhnlichen Dingen. Ich nehme mich dabei anscheinend für so wichtig, als wenn sich nur für mich die gesamte Umgebung schlagartig und sei es auch nur kurz verändern würde. Nach der letzten Woche hatte ich mir eigentlich vorgenommen, die Grundstimmung meiner Beiträge hier ein wenig zu heben, doch versuche ich das exzessiv, geht das in die komplett andere Richtung.

Zum Thema zurück: Auch nach einer weiteren Stunde des Rausstarrens ändert sich nichts. Schon witzig, wie machtlos wir eigentlich sind, was so gewöhnliche und alltägliche Dinge betrifft. Immer lebensverändernde Entscheidungen treffen (müssen/wollen), sich aber nicht für eine Eissorte entscheiden können. Das muss mir bei Gelegenheit mal jemand genauer erklären.

Anstatt sich in den ICE zu setzen, habe ich mich bewusst für die „Bummelbahn“ entschieden, die locker 2 Stunden länger unterwegs ist und mit mehrfachem Umsteigen verbunden ist. Wer sieht schließlich bei 200 Sachen noch genug, um überhaupt behaupten zu können, versucht zu haben, Veränderungen außerhalb des Zuges wahrnehmen zu wollen. Ich nehme mir die Zeit dafür. Vielleicht auch, weil ich sie im Moment einfach habe, vielleicht aber auch aus dem Grund, dass ich einige Dinge im Moment immer mehr hinterfrage.

Ich frage mich, ob ich meine Prioritäten richtig setze, ob ich „normal“ bin, ob ich in diesen riesen Komplex von Gesellschaft reinpasse oder überhaupt reinpassen möchte. Doch beim Versuch „normal“ zu sein fällt mir auf, dass ich anscheinend für mein komplettes Umfeld noch ungewöhnlicher wirke. Ich versuche ganz bewusst Dinge wahrzunehmen, doch das ist noch viel anstrengender und auffälliger, als halb „pennend“ im Zug vor sich hin zu vegetieren. Dabei hatte ich immer das Gefühl, es wäre so kräftezehrend, so viel zu verpassen und somit den Drang in sich zu haben, alles sehen zu wollen und vor allem zu müssen. Im Nachhinein will ich aber selbst bestimmen, was ich muss und was ich getrost sein lassen kann.

Brauchen wir nicht wirklich nur dieses eine Leben? Reicht das nicht? Warum wünschen sich dann so viele noch mindestens eins mehr? Vielleicht übersehe ich da etwas, aber aus meiner Sicht reicht es doch vollkommen, ein zufriedenes Leben zu führen, mit Menschen um sich, die auch mal zwischen den Zeilen lesen und mit demjenigen, der einem morgens über die Wange streichelt, bevor er zur Arbeit fährt.

Bevor das hier in einer Eskapade von Kitsch endet, lieber zurück zur Aussage:

Gibt man jemandem die Hand, greift er sich gleich den gesamten Arm. So gerne möchte ich in den Gesprächen meiner Mitfahrer auch nur einmal ein positives Wort hören, Zufriedenheit und vor allem nicht dieses ewige „Herumgejammere“. Schätzt doch einfach mal, was ihr habt, was ihr „euer“ nennen könnt und seid doch nur einmal am Tag zufrieden damit.

Mein nächstes Ziel und verdammt schwierig: Makel von anderen ertragen, nicht sofort die Beine in die Hand nehmen und abhauen. Dann fangen wir doch gleich mal damit an: Entspannt zurücklehnen, Blick nach draußen, tief durchatmen und sich darüber freuen, dass die Leute überhaupt reden, ihre Familien anrufen und ihre Gefühle nach außen kehren. Stehen wir einfach mal drüber und beachten den Inhalt nicht. Das zählt in die B-Note und die berücksichtige ich eh nie.

Wäre es doch nur so leicht. Ich könnte fast ausrasten. Aaaaaaaah. „Richtige Probleme kennt ihr anscheinend nicht!“ schießt es aus mir raus und ich werde knallrot, als ich merke, dass der halbe Zug mich anstarrt. „Ist doch so“, beruhige ich mein Gewissen. Die letzten Wochen waren ebenfalls der Horror für mich, doch ich schätze, dass ich jemanden an meiner Seite weiß, der auch nur annähernd versucht, mich das Ignorieren zu lassen. Ändern kann ich es eh nicht mehr. Deshalb rege ich mich aber noch lange nicht darüber auf, dass der Brokkoli im Aldi jetzt 2 Cent teurer geworden ist oder der Nachbar mich im Flur heute Morgen schief angeguckt hat. Ihr könnt vielleicht Probleme haben.

„Alles angeschossene Tiere, genau wie ich. Ach man sieht doch das Leben vor lauter Leben nicht.“ Bosse

https://www.youtube.com/watch?v=heeMpT5rOYE

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3 Gedanken zu „Ach man sieht doch das Leben vor lauter Leben nicht!

  1. Doch beim Versuch „normal“ zu sein fällt mir auf, dass ich anscheinend für mein komplettes Umfeld noch ungewöhnlicher wirke.

    Es ist extrem schwierig, sich in dieser irren Welt so zu benehmen, daß man als normal durchgeht. Andererseits: Warum sollte man das tun?

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    1. Das ähnelt wahrscheinlich dem Versuch, vernünftig zu gehen, wenn man betrunken ist. Ich sehe dann immer aus, wie ein Storch, der imaginären Pfützen ausweicht.
      Aber wenn du es „irre Welt“ nennst, sollte ich dann nicht transparenter sein, wenn ich vollkommen abgedreht bin? Dann müsste ich mich ergo ja gar nicht verstellen. Wenn das so stimmt, sollte ich mein junges Leben vielleicht bei Gelegenheit mal überdenken.

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      1. Das ist ja der Punkt: Die anderen sind die Abgedrehten, nicht man selbst. Deswegen fällt man dann auf wie bunter Hund mit Blechdosen am Schwanz, wenn man sich so benimmt, wie man es selber beschließt und für notwendig und richtig erachtet. Also „normal“.
        Man kann den Weltwahnsinn nur schwer simulieren, wenn man noch bei Verstand ist 😉

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